Tränen am Tisch

Ich hab's wirklich kaum ausgehalten.

Es ist Kampf jeden Tag. 

Ich esse weder morgens noch abends, weil ich weiß, dass am Mittag meine Mutter auf mich lauert. 

Wenn ich "Glück" habe.

Wenn es mich aber richtig schlecht erwischt, dann kocht sie abends. 

Und ich habe nicht die Möglichkeit zu fliehen, ohne eine Katastrophe auszulösen. 

Sie ist immer da und schaut, was ich mache. 

Wenn ich mich zu sehr beklage, dann wird sie es wissen.

Wenn ich mich hinterher übergebe, dann wird sie es wissen. 

Wenn ich nach dem Essen wie besessen auf die Waage renne, dann wird sie es wissen. 

Und das darf nicht passieren. 

Ich schneide das Essen klein, ich stochere darin herum bis es kalt wird und zwinge es in meinen Mund, kaue ewig darauf herum bis ich es schaffe es runterzuschlucken. 

Ich denke die ganze Zeit daran, wie ich das alles wieder aus mir heraus bekomme und gleichzeitig schießen diese ganzen Geschmäcker durch meinen Mund, die Gerüche fließen durch meine Nase in meinen Körper und es ist wie eine Explosion. 

Ich spüre wie mein Körper gierig absorbiert, was ihm zugeführt wird und mir steigen die Tränen in die Augen. 

Ich denke daran, wie ich früher mit Freuden gegessen habe, ohne mir darüber Gedanken zu machen. 

Dann denke ich daran, dass ich damals auch mehr auf den Rippen hatte und muss wieder fast weinen. 

Ich bin mit diesem Teller warmer Nahrung vollkommen überfordert und frage mich, warum ich ihn nicht einfach stehen lasse und meiner Mutter sage, dass ich nicht essen werde. 

Was soll sie groß machen? Warum kann ich das nicht?

Weil ich schwach bin. Weil ich an die Zeit denke in der sie so krank war und ich sie beinahe verloren hätte und dann zwinge ich mich wieder und wieder und fürchte die Waage, fürchte den nächsten Spiegel. 

Aber ich steige jedesmal darauf, ich sehe jedesmal hinein und ich fühle mich schwach. 

Ich bin kein geduldiger Mensch, ich will aus diesem Körper heraus und das schnell. 

Aber meine Mutter steht in meinem Weg.

Sie erlaubt mir keine Askese, keine Reinheit, sie will mich lieber mit ihrer Führsorge verschmutzen und glaubt sie tut mir etwas Gutes. 

Und mir geht es dreckig.

Heute war ich besonders schwach. Ich habe Abends gegessen und ich habe viel gegessen, ich werde nicht alles loswerden können, ich werde morgen mehr wiegen.

Aber meine Mutter hat die Waage in ihr Zimmer gestellt.

Ich fühle mich kontrolliert, obwohl sie eigentlich nichts weiß.

Sie tut es intuitiv. 

Ich will nicht mehr, aber ich bin in meiner Wohnung mit ihr gefangen und die Angst keimt auf, dass ich meine Mutter vor mich stelle  um meine Schwäche zu vertuschen.

Ich darf am Tisch nicht weinen, aber es ist schwer.

Es ist Kampf.

Es ist meine Wahl.

Es ist meine Schuld.

 

 

13.12.08 19:38

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