Der wahre Hunger

Der wahre Hunger

 

Du öffnest die Augen. Langsam. Sehr langsam. Eigentlich geht es jeden morgen schleppender.

Du erinnerst dich dunkel an den Traum den du gerade hattest.

 

Durch einen dunklen Tunnel bist du gerannt, alle Türen waren verschlossen und die Decke wurde immer niedriger und niedrige rund du musstest dich immer kleiner machen.

Du bist nicht auf die Idee gekommen einfach wieder in die andere Richtung zu gehen.

 

Du spürst Schweiß an deinem Rücken und zitterst.

Dir ist so unglaublich kalt, weil du immer mit dieser viel zu dünnen Decke schläfst, in deinem Zimmer, das immer so kalt ist, weil du das Fenster nachts offen lässt.

 

„Nein, Mamma, lass es bitte auf. Mir ist warm“

 

Zehn Minuten lang bleibst du einfach nur liegen und weißt nicht, ob du es wagen sollst diesen Tag zu beginnen.

 

Hält er wieder nur Grausamkeiten bereit?

Wie lange kannst du noch hoffen, dass der nächste Tag endlich dein ersehntes Glück bringen wird.

Wie lange bleibt deine Kraft?

 

Vorsichtig hebst du die Beine aus dem Bett und bleibst erst mal ruhig sitzen. Nichts überstürzen.

Nicht wie gestern.

Du wartest bis sich das Gefühl von Schwindel gelegt hat.

Kopfschmerzen, Übelkeit und dieses flaue Gefühl im Magen werden bleiben.

Sie sind deine treuen Begleiter, deine Bestätigung für deine Macht.

 

Langsam stehst du auf und suchst deine Kleidung für den Tag zusammen.

Du hast gestern vergessen die Hose enger zu nähen, aber für heute muss es noch gehen.

 

Im Badezimmer hältst du die Luft an.

Langsam legst du dein Nachthemd ab.

Der Kunststoff der Waage ist kalt an deinen Fußsohlen, du zählst bis zehn, öffnest die Augen.

Du wiegst weniger.

Der Tag kann weitergehen.

 

Motiviert von deinem Ergebnis setzt du dir neuen Kaffee auf und lässt zwei kleine Süßstofftabletten in die schwarze Flüssigkeiten sinken.

Die Welt verschwimmt vor deinen Augen.

Heute vielleicht doch lieber vier Tassen?

 

Mit dem dampfendem Gebräu setzt du dich auf die Fensterbank und schaust in den verschneiten Garten.

 

Gestern haben dort deine Geschwister gespielt und das Mädchen von nebenan.

Das Dicke, das immer so lieb lächelt.

Die mit den vielen Freunden, die die mitten im Leben steht.

 

Deinen Hunger, der in deinem geschundenen Körper entspringt spürst du kaum.

Aber den wirklichen Hunger, der Grund warum du all das tust.

Dieser Gedanke, der hinter dem Satz „wenn ich schlank bin“ steht, den spürst du unablässig.

 Jeden Tagh, jeden Moment in dem du so zurückgezogen lebst:

 

Den wahren Hunger.

Den Hunger auf Leben.

Leben mit Perfektion.

 

 

 

18.2.09 13:45

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